Qualifikationsrahmen in Übersee

Qualifikationsrahmen sind politische Instrumente, die dazu dienen, Lernergebnisse zu vergleichen und zu interpretieren. Sie bilden Qualifikationen ab, bilden eine Organisationsstruktur von Qualifikationswegen und ebnen den Weg für die Validierung von nichtformalem und informellem Lernen.

 

Die Idee der Qualifikationsrahmen ist dabei nicht neu. Über Jahrhunderte haben Handelsgilden und Berufsorganisationen Kontrolle und Schutz über das Recht ausgeübt, Handwerk und Handel auszuüben und Lehrlinge auszubilden. Diese Strukturen waren die Vorreiter der modernen Qualifikationsrahmen.

 

Die Geschichte der Qualifikationsrahmen

 

Die Entwicklung der Qualifikationsrahmen begann Mitte der 1980er Jahre in den Angel-Sächsischen Ländern und Frankreich und der erste sogenannte Nationale Qualifikationsrahmen (NQR) wurde 1986 in Schottland eingeführt. 2000 führten England, Wales und Nordirland Nationale Qualifikationsrahmen ein, die dem Schottischen ähnelten. Diese vier Rahmen werden als die erste Generation von NQRs weltweit angesehen.

 

Eine sogenannte zweite Generation von NQRs folgte in den 1990er Jahren mit Neuseeland (1991), Australien (1995) und Südafrika (1995) den britischen Initiativen folgend. Angetrieben von der Globalisierung von Bildung und Arbeitsmärkten als auch durch einen massiven Anstieg an Mobilität und Migration entstand eine dritte Generation von NQRs in den 2000er Jahren. Die meisten davon entstanden im Commonwealth of Nations (z.B. Botswana, Kamerun, Eritrea) und Europa (z.B. Dänemark, Deutschland, Schweden, Türkei).

 

Heute setzen und überarbeiten mehr als 140 Länder weltweit Qualifikationsrahmen um und sie sind zu einem globalen Phänomen geworden. Ihre Popularität basiert auf einigen erwarteten Vorteilen wie z.B. der Modernisierung des Bildungs- und Trainingssystems, der Förderung der Arbeitsmarktmobilität, transnationaler Kooperation und Formen des Lebenslangen Lernens, als auch der Überwindung sozialer Schichtenbildung.

 

Typen von Qualifikationsrahmen

 

In Abhängigkeit von ihrem Umfang und ihrer Kernidee gibt es unterschiedliche Arten von Qualifikationsrahmen:

 

Sub-/Sektoral

National

Regional

Umfang

Spezifische Level, Sektoren, Arten von Qualifikationen

verfolgbar, verlinkt, oder vereinheitlicht

Metarahmen

Vorgaben

normalerweise eng

Variierend von weit bis eng

Normalerweise weiter

Beispiele

Hochschulbildung, TVET

Australien

Chile

Frankreich

Malaysia

Südafrika

Southern African Development Community Qualifications Framework

Europäischer Qualifikationsrahmen

Karibischer Qualifikationsrahmen

 

Qualifikationsrahmen unterscheiden sich im Hinblick auf ihren Umfang, ihre Verbindlichkeit und die Arten der Qualifikationen, die sie umfassen. Der EQR z.B. adressiert die Prioritäten der Europäischen Union, anstatt nationale Prioritäten zu adressieren und beinhaltet keine bindenden Validierungsmechanismen. Seine Entwicklung basiert auf dem gegenseitigen Vertrauen der Staaten und ihrem Willen zur Kooperation. Er ist daher sehr viel komplexer als ein NQR.

 

Während einige Europäische Mitgliedsstaaten (z.B. Frankreich, Irland, Schottland) umfangreiche Erfahrung in der Entwicklung von Qualifikationsrahmen und/oder Kredittransfersystemen haben, haben andere diese erst kürzlich entwickelt. Diese Rahmen wurden bereits vor der Entwicklung des EQRs in Kraft gesetzt und sind daher Initiativen, die in erster Linie die nationale politische Agenda ansprechen. So beinhaltet z.B. der Irische Qualifikationsrahmen 10 Levels nach Abschluss der Sekundarausbildung, während der Schottische 12 Levels enthält und eine enge Bindung zum nationalen Kreditpunktesystem aufweist.

 

Levels und Deskriptoren

 

Trotz der großen Unterschiede zwischen den Bildungs- und Trainingsstrukturen der Staaten ist es möglich, einige Gemeinsamkeiten über die Staaten hinweg zu beobachten. So entwickeln z.B. viele Europäische Staaten ihre NQRs angepasst an die 8-Level-Struktur des EQRs (z.B. Österreich, Belgien, Dänemark, Estland, Litauen und Spanien). Auch bei der Kernidee des EQRs der Lernergebnisorientierung sind sich alle Länder einig, obwohl die Deskriptoren von Land zu Land variieren:

 

Deskriptoren

Länder

Wissen, Fertigkeiten, Kompetenzen

Österreich, Belgien (Wallonien), Bulgarien, Zypern, Dänemark, Finnland, Frankreich, Irland, Lettland, Malta, Rumänien

Wissen, Fertigkeiten, Autonomie, Verantwortlichkeit

Belgien (Flandern)

Kompetenz

Tschechische Republik

Wissen, Fertigkeiten, Einstellung

Luxemburg, Portugal

Wissen, Autonomie, Verantwortlichkeit, Kompetenzen (lern, sozial, beruflich, professionell)

Slovenien

Wissen, Autonomie, Zuverlässigkeit, Anwendung, Aktion

UK (zusätzlich in Scotland: Kommunikation, allgemeine Fertigkeiten, generic skills, Rechnen, ICT Fertigkeiten)

Fachliche Kompetenz (Wissen, Fertigkeiten), Personale Kompetenz (Sozial-, Selbst-)

Deutschland

 

Die enorme Unterschiedlichkeit von Qualifikationsrahmen spiegelt sich sowohl in den Level-Deskriptoren als auch in den Lernniveaus wieder, die sich massiv über die Länder verteilt unterscheiden:

 

Anzahl der Levels

Länderbeispiele

5

Bahrain, Thailand, Tobago, Trinidad

7

Bangladesch, Ghana, Hong Kong, Island, Sri Lanka

8

Belgien, Bulgarien, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Österreich, Ungarn, Turkey, Zypern

9

UK (England, Nordirland, Wales), Malediven, Philippinen

10

Mauritius, Namibia, Neuseeland, Irland, Vereinigte Arabische Emirate

11

Australien

12

Schottland

 

Voraussetzungen für die Entwicklung eines Qualifikationsrahmens

 

Die Entwicklung eines Qualifikationsrahmens erfordert einige Voraussetzungen, das sind

  • die Beschreibung aller Qualifikationen in Form von Lernergebnissen;
  • die Anordnung aller Qualifikationen in einer Hierarchie oder einen Kontinuum, um Lernniveaus beschreiben zu können;
  • die Prüfung aller Qualifikationen unabhängig von ihrer Lernumgebung;
  • die Modularisierung aller Qualifikationen, um sie unterschiedlichen Niveaus mit den gleichen Deskriptoren zuordnen zu können und sie in Form von Lernstunden zu beschreiben;

die Anwendung von Benchmarks, damit alle Arten des Lernens akkreditiert und überprüft werden können.

Flickr / spaceodissey
@ spaceodissey / flickr.com